Sortendetektiv in der Bibliothek

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Im Anschluss an die sehr gelungene Saatgut-Aktionsradtour von Aktion Agrar (15.-20.9.) war es mir eine große Freude noch 2 Tage bei Ursula Reinhard in der VEN-Bibliothek (Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e. V.) den Spuren alter Sorten nachzugehen. Als ich nach all den spannenden Eindrücken der Aktionsradtour von Quedlinburg nach Stendal in Schandelah ankam, wurde ich mit einer sehr leckeren Tomatensuppe begrüßt (Verwertung bei der Saatgutgewinnung). Nach einem tollen ersten Austausch über Saatgutgewinnung machten wir uns auf den Weg zur Besichtigung der Vermehrungsfläche etwas außerhalb des Dorfes. Dort bewunderte und kostete ich u.a. die Vielfalt an Tomaten und konnte mir mein Nachtlager einrichten. Am nächsten Morgen begrüßte mich Ursula schon früh im Garten, um mich nach kurzer Arbeit zum Frühstück abzuholen. Dort warteten auch schon die spanenden historischen Werke, die sie bereits früh morgens für mich vorbereitet hatte. Ebenso spannend wie die Literatur war natürlich auch der weitere Austausch mit Ursula sowie das Gemeinschaftsgärtnern am Nachmittag.

Die 2 Tage widmete ich mich nun u.a. folgenden Werken:

  •  Böttner, Johannes: Praktische Gemüsegärtnerei, Erscheinungsjahr: 1917, (8. und 10. Auflage), Zahlreiche Sortenempfehlungen im Obst- und Gemüsebau. 374 S.
  • Böttner, Johannes: Gartenkulturen, die Geld einbringen, Erscheinungsjahr: 1903, 346 Seiten. Altes Zeitdokument über Gärtnerwesen und Handel
  • Böttner, Johannes. Gartenbuch für Anfänger: Unterweisung im Anlegen, Bepflanzen und Pflegen des Hausgartens im Obstbau, Gemüsebau und in der Blumenzucht. Trowitzsch, 1917.
  • Gressent, Alfred: Gressent's einträglicher Gemüsebau 1. Auflage, Erscheinungsjahr: 1884, Neue Anleitung, auf kleinem Raum mit mäßigen Kosten regelmäßig reiche Ernten in guten Sorten zu erzielen. Mit Sortenempfehlungen.
  • Fourmont, Raymond. "Variétés de pois (Pisum sativum L.) cultivés en France." (1956); In französischer Sprache, etwa 400 Seiten, Fotokopien gebunden. 1. Auflage, 408 Seiten
  • Jensma, J.R.: Cabbage Varieties Sluitkoolrassen, Erscheinungsjahr: 1956, Sortenbeschreibungen Kopfkohle mit s/w Bildern, Fotokopien, gebunden, 149 Seiten
  • Rodenburg, C. M. "Varieties of lettuce." An International Monograph. Zwolle, WEJ Tjeenk Willink (1960).
  • Kraus, Wilhelm. Frucht-und Zwiebelgemüse: Arten-und Sortenkunde. Dt. Bauernverl., 1954.
  • Lange, Theodor, and Fritz Zahn. Lange-Zahn Gartenbuch: Prakt. Anleitung zur Anlage u. Pflege d. Gartens. Gemüse-und Obstgarten. Neufeld & Henius, 1926.
  • Christ, Johann Ludwig. Christ's gartenbuch für Bürger und Landmann... E. Ulmer, 1876.

Die Sortenbeschreibungen waren sehr interessant zu lesen, aber auch Kategorien wie „Gemüsesorten für das freie Feld“ oder „Sorten, die für die Kultur im Garten des Rentners geeignet sind“ enthielten spannende Hinweise. Die langen Kulturanleitungen für aufwendige Arten wie dem damaligen Anbau von Melonen, Zitrusfrüchte oder Ananas zeigen, dass für den Anbau von Raritäten keine Mühen gescheut wurden. Detaillierte Sortenerörterungen enthalten auch die Züchtungsgeschichte der Sorten (z.B. Eltern bei Kreuzungen oder Angaben, aus welcher Sorte die Neuzüchtung selektiert wurde). So können auch die Namen in den Synonymlisten hilfreich bei der räumlichen Zuordnung der Herkunft bzw. Verbreitung sein (Bsp. Kopfsalat „Frühlingsgruss“ Synonym: “Perle von Schwaben“, Hild/Marbach). Gleichzeitig zeigt sich daran, dass die Kulturpflanzenvielfalt der historischen Sorten schwierig zu erfassen ist, wenn einzelne Sorten unter zahlreichen Namen Verbreitung fanden (Bsp. Kopfsalat „Stuttgarter Sommer“ 15 Synonyme wie „Klostergarten“, „Riesen-Mogul“,“ Sommer Folger“).

Leider sind das Wissen und die Beschreibungen zu den Gartenkulturen, ähnlich wie die Sorten selbst, zum Großteil in Vergessenheit geraten oder finden kaum noch Beachtung. Ein Bruchteil des in der Literatur verborgenen Potentials konnte ich auch die Tage vor der Saatgut-Aktionsradtour bei der Recherche nach historischen Regionalsorten in der Bibliothek des Leibniz-Institutes für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) und der ehemaligen „Saatgutmetropole“ Quedlinburg aufspüren. So geben z.B. auch die historische Filmaufnahmen von 1937 über den Saatzuchtbetrieb Dippe wertvolle Einblicke in die damalige Saatgutvermehrung.

Sammlungen der historischen Gartenliteratur enthalten wertvolle Informationen, um die Geschichten, die Kulturanleitungen und die Verwendungsmöglichkeiten alter Sorten aufzuzeigen und so zur Kulturpflanzenvielfalt und deren Nutzung beizutragen. An dieser Stelle möchte ich mich recht herzlich bei Ursula Reinhard & dem VEN,  Ulrike Lohwasser & Bibliothekarinnen des IPK und Woldemar Mammel für die bisherigen Möglichkeiten der Literaturrecherche bedanken. Um mehr Interessierten Personen Einblicke in die Werke zu ermöglichen haben wir beim Genbänkle e.V. im Zuge der Sortensuche mit dem Aufbau einer „Sortendetektiv-Bibliothek“ begonnen:

(Text:Patrick Kaiser)

sortendetektiv-bibliothek

Böttner, Johannes: Praktische Gemüsegärtnerei, 1917

Weitere Hinweise:

Historische Filmaufnahmen von 1937 über den Saatzuchtbetrieb Dippe

Bundesanstalt: Historisch genutztes Gemüse - Literatur

Bücher in der VEN-Bibliothek

 

Aufwendiger Stammbaum der Herkunft verschiedener Erbsensorten:  Fourmont, Raymond. "Variétés de pois (Pisum sativum L.) cultivés en France." (1956)


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